BKWI aktuell „Werther“ in der Boxx

Außer den Zuschauersitzen war da nichts, keine Bühne, keine Requisiten, ein paar große Holzkästen, schwarz und leer.

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Man wusste nicht, was auf einen zukommt

Das Stück begann, während die Zuschauer sich noch unterhielten damit, dass der Werther-Darsteller einfach da war und loslegte.

Der Eindruck war sehr direkt, weil die Schauspieler ohne Trennung vom Publikum spielten und dieses beim Zählspiel Lottes mit einbezogen. Keine Kulisse, außer verschiebbaren mannshohen Holzboxen, die mal geöffnet, mal geschlossen, unterschiedliche Räume andeuteten, zwei Schaukeln, die die Kutschfahrt verkörperten, sorgte dafür, dass die Darsteller und ihre Aktionen im Mittelpunkt standen. Schwarze Luftballons deuteten Werthers von Brief zu Brief stärker werdende Enttäuschung als zerplatzte Träume.

Die drei Schauspieler, eine Frau, die Lotte spielte, zwei Männer für Albert und Werther selbst, waren sympathisch modern, jugendlich und manchmal haben sie improvisiert und insgesamt bemerkenswert gut gespielt.

Albert wurde besonders gut dargestellt; Der Schauspieler, der ihn verkörperte, hatte eine Mimik, die perfekt zur Figur passte. Auf seine nüchterne Vernunft deutete auch das Geschenk für Lotte, ein Handstaubsauger, hin. Für ihn scheint Lotte offensichtlich nur ein blondes Hausfrauenklischee zu erfüllen, er betrachtet sie als seinen Besitz.

Der Darsteller Werthers hat seine Rolle als impulsiver, intensiver und seinem Herzen folgender Mensch voll und ganz ausgefüllt. Seine leidenschaftliche Liebe zu Lotte hat einen mitfühlen lassen und war mitreißend gespielt.

Bei Lotte war cool, dass man ihr das Glück ansah, wenn Werther bei ihr war; im Gegensatz dazu war sie ernster und fast gehemmter in Alberts Anwesenheit. Sie kam vielleicht etwas zu freizügig rüber, was möglicherweise nicht so gut zu der Lotte des Romans passt, etwas zu leichtlebig und oberflächlich. Deutlich wurde ihr Spiel mit Werthers Gefühlen.

Die Tanzszene ist etwas untergegangen. Man hat nicht unbedingt gemerkt, dass das der Moment war, in dem es zwischen den beiden gefunkt hat und sie sich in einander verliebt haben.

Die Idee, Lotte hinter der Leinwand als Schatten zu zeigen, war toll, weil sie gezeigt hat, wie Werther sich seine Traumfrau vorstellt. In gewisser Weise ist das ein Schlüsselbild, weil für Werther das, was er sich wünscht, viel wichtiger ist als die Realität.

Die Schauspielversion des „Werther“ hat beim Verständnis des Romans sehr geholfen. Vieles, was beim Lesen durch die Sprache erschwert wird, kann man sich gespielt viel besser vorstellen, obwohl die Schauspieler genau den gleichen „alten“ Text Goethes rezitieren.

Unser Dank gilt unserem Deutsch-Lehrer Herrn Dr. Nuß. Es war toll, dass wir die Gelegenheit bekommen haben, dieses Theaterstück anzusehen.